Der genormte Mensch

Genormte Menschen fühlen sich so kalt an
Die Gesellschaft und ihre Strukturen: Funktionieren nach der Norm! Gefälligst so und nicht anders, sonst bist du nicht normal! Gegenstände werden aus wirtschaftlichen und praktischen Gründen genormt – bei Menschen versucht man es aus dem gleichen Grund – bei mir vergeblich!
Mit der Norm soll etwas weiteres dazukommen: Leistung! Leistung! Leistung!
Wer dieser Norm nicht entspricht, gilt als krank – irgendwie gestört. Ein Problemchen findet jeder Psychologe, und wenn er nur tief genug in der Kindheit bohrt.
Die kranken Kinder, die sich diesem System nicht unterwerfen möchten, nennt man: ADHS oder ADS – krank. Sie werden mit Tabletten behandelt, um leistungsfähig für unsere Gesellschaft zu sein! Funktionieren sollst Du Kind! Jawohl!
Und die Erwachsenen? Die bekommen irgendwann Depressionen oder das berühmte Burn-Out Syndrom. Na klar und manche sind noch stolz darauf zu sagen: Hey, ich bin Workaholic – ich lebe zwar nicht, aber ich bin cool, so amerikanisch unterkühlt, fast schon roboterhaft chinesisch.
Zum Ausgleich der wahren Bedürfnisse dürfen wir uns im Kino Hollywood-Schnulzen reinziehen. Hach, was wäre das schön, würde ich auch eine solche Partnerin finden: 1,75 groß, schlank, Traummaße, blonde Wallawalla-Mähne, perfekte Zähne, Augen, Haut, intelligent, nebenberuflich: Model und obendrein noch Sexqualitäten deluxe, verliebt bis ans Lebensende… Wir kommen aus dem Kino raus, träumen noch ein wenig vor uns hin, wissen ja doch, dass das nie in Erfüllung gehen kann, zumal wir eh schon wieder am Arbeiten sind, muss der Traumpartner also noch ein wenig auf uns warten - in der Zwischenzeit stählen wir unseren Körper, um uns perfekt auf ihn vorzubereiten: Kniebeugen! Beugen sind wir aus der Gesellschaft schon gewohnt – in der katholischen Kirche darf man sogar knien! - so schwer kann das nicht mehr sein.
Ist der Partner erst per Datingplattform gefunden, werden die Eckdaten verglichen. Passt Alter (sie meist jünger als er), Aussehen (sportlich, schlank, gesund) und Status (sie ledig, aber willig, er: vermögend)? Man will ja keine Zeit vergeuden, die man eh nicht hat. Wenn dann wirklich fast alles passt, wird geheiratet – der Rest wird später passend gemacht oder zumindest versucht. Ein Häuschen mit Garten und Hund, die Doppelgarage (oder Carport) mit Kombi, ein bis zwei Urlaube im Jahr – ach ja: das Ehebett nicht zu vergessen….- und die Geliebte/der Liebhaber, schließlich will man doch noch etwas Spaß in seinem Leben.
Ich wundere mich nicht, weshalb so wenig Menschen lachen, wenn man sie auf der Straße trifft und frage mich, wozu sie eigentlich auf der Welt sind. Schade nur, dass sie sich das selbst nicht fragen.





Besser kann man es nicht schreiben
Ganz grosses Kompliment, Vanessa!
Ich bin gespannt auf Dein Buch – das wird bestimmt ein Hit!
Liebe Grüsse vom Simulanten
Danke Simulant, dazu passt noch wunderbar dieses treffende Gedicht von Kurti Marti:
als sie mit zwanzig
ein kind erwartete
wurde ihr heirat
befohlen
als sie geheiratet hatte
wurde ihr verzicht
auf alle studienpläne
befohlen
als sie mit dreißig
noch unternehmungslust zeigte
wurde ihr dienst im hause
befohlen
als sie mit vierzig
noch einmal zu leben versuchte
wurde ihr anstand und tugend
befohlen
als sie mit fünfzig
verbraucht und enttäuscht war
zog ihr mann
zu einer jüngeren frau
liebe gemeinde
wir befehlen zu viel
wir gehorchen zu viel
wir leben zu wenig
Hi Vanessa,
hier wetterst du gegen die “Ideale”
und auf deiner Kurtisanen-Page forderst du sie ein
bzw. stellst sie vor.
Ja was den nun?
lg
Jürgen