Mein gefühlter Makel

Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, kein Abitur zu haben. Und doch fühlt es sich wie ein kleiner Makel an, den ich lieber nicht hätte. Nicht immer, aber manchmal holt es mich ein, wenn ich das Gefühl habe, nicht genug zu wissen, nicht genügend gebildet zu sein – in Geschichte, Erdkunde, Philosophie, etc.
Mein Selbstbewusstsein hat sicherlich lange Zeit darunter gelitten. Das schlimmste daran für mich war die Tatsache, dass ich bereits zweimal in meinem Leben dabei war, diesen Weg zu gehen. Das erste Mal war unmittelbar nach der Grundschule. Dort besuchte ich das Gymnasium bis zur 8. Klasse. Am Ende brach mir Latein und Mathematik das Genick. Vielleicht brach mir aber auch eher die zu dieser Zeit familiäre Situation das Genick – aber dazu ein ander Mal.
Den zweiten Versuch startete ich dann nach meiner Friseurlehre. Unmittelbar nach dem Abschluss ging ich auf die BOS, Zweig Technik, um dort das Aufzuholen, von dem ich wußte, ich würde es schaffen. Was soll ich sagen? Schon wieder die familiären Verhältnisse? Ja, ein wenig war es wohl so. Ich hatte mich zu dieser Zeit leider in eine Abhängigkeit (eines Menschen) begeben, der sich seiner Verantwortung nicht bewußt war. Am Ende stand ich ohne Geld da, das Bafög ließ 3 Monate auf sich warten und ich war in meiner Freizeit mit Nebenjobs beschäftigt. Schlecht für meine Konzentration, schlecht für mein Ziel, welches ich klar vor Augen hatte. Ein sehr guter Abschluss sollte es werden. Ich war motiviert bis über die Grenzen hinaus. Ich wußte aber auch, dass ich das unter diesen Umständen nicht schaffen werde – also schmiss ich das Handtuch. Ich wollte lieber kein Abitur haben, als ein schlechtes.
So vergingen die Jahre und ich spürte irgendwann, dass Selbstdenken, Zusammenhänge erfassen, logisch denken und verstehen nicht zwingend etwas mit dem Abitur zu tun haben muss. Ganz im Gegenteil sogar! Heute habe ich oft das Gefühl, dass Menschen, denen diese Chance verwehrt blieb sich mehr anstrengen, sich weniger darauf ausruhen, vielseitiger sind, etc. Manchmal habe ich das Gefühl, dass Menschen, die permanent Descartes, Hobbes, Leibniz, Rousseau, Kant und Nietzsche und/oder andere Philosophen zitieren können, das Selbstdenken verloren haben (wenn sie es denn jemals hatten). Sie verstecken sich lieber hinter der Meinung eines anderen Denkers, als selbst zu überlegen.
Jetzt, wo ich mir im Jahre 2010 ein wenig Ruhe gönne, mehr Zeit für mich, um mich den schönen Dingen zu widmen, finde ich die Muße viele interessante Bücher zu lesen. (Was nicht heißen soll, dass ich vorher keine Bücher gelesen habe
– es waren einfach andere) Oft finde ich mich jetzt in diesen Büchern wieder und genieße es, meine bereits gewonnenen Lebenskenntnisse mit denen der großen Denker zu vergleichen.
Insofern hoffe ich, dass dieser gefühlte Makel (auch wenn es keiner ist) mit steigender Lebenserfahrung und selbst angeeignetem Wissen irgendwann der Vergangenheit angehören wird.






hello!
do you have english website!
regards
Liebe Vanessa,
auch für mich ist es kein Makel, kein Abitur zu HABEN.
Was hilft es denn, wenn man das Abitur im “Habenmodus”
(Fromm) erworben hat, einfach nur um mehr Wissen zu HABEN?
Viel wichtiger ist es doch, tieferes, qualitatives Wissen zu erlangen oder auch das vernetzte Denken und Wissen als dynamischen Prozess zu verstehen. Z.B. eben nicht das reine Auswendiglernen von Zitaten der grossen Dichter und Denker und das Anbringen dieser Zitate zu allen passenden und vor allem nicht passenden Gelegenheiten. Sondern vielmehr das Selbstdenken zu fördern, Neugier und Kreativität weiter zu entwickeln.
Viele Abiturienten stehen sich hierbei mit ihrem “Wissen” selbst im Wege – sie ruhen sich auf diesem Wissen aus, bleiben in ihrer Entwicklung stehen, sie HABEN ja schliesslich Abitur!
“Ich weiss, dass ich nicht weiss” war das schwerwiegende Bekenntnis von Sokrates.
Abitur HABEN sagt nichts aus über einen Menschen, der Glück, Zufriedenheit und Gemeinwohl anstrebt.
Hallo Vanessa,
wirklich nur ein gefühlter Makel, möglicherweise verursacht durch das Verhalten anderer die einen Makel daraus machen.
)
Abitur, Studium etc. oder anders gesagt “einstudiertes” Wissen, sagt noch lange nichts über die “Qualität” eines Menschen aus. Bildung kann man sich selbst aneignen. Was man aus seiner Bildung macht, egal ob per Schule oder selbst beigebracht steht ja auf einem ganz anderen Blatt. Erfahrungen, Persönlichkeit, Entwicklung, Charakter, das alles zeichnet einen Menschen aus und das alles kann man nicht in der Schule lernen. Die Schule ist lediglich ein kleiner Teil des Weges.
Genausogut könnte ich mir Gedanken darüber machen ob es ein Makel ist keinen Doktor-Titel zu haben. Tu ich aber nicht
Ich habe Abitur und einen Hochschulabschluß, aber rückblickend betrachtet frage ich mich oft was für “Hohlköpfe” Abitur oder Hochschulabschluß haben oder sich Lehrer, Dr. oder gar Professor nennen dürfen.
Philosophen oder sonstwen zitieren zu können ist keine Kunst, zu verstehen was man da sagt schon eher. Und, wie Du selbst erkannt hast, seine eigene Meinung bilden zu können ist ein vielfaches wichtiger als die Meinung von noch so berühmten Persönlichkeiten zu kopieren.
Ein wirklich guter überall bekannter Spruch (ich weiss nicht von wem er stammt): “Man lernt nie aus”…und ich füge hinzu, egal welches Bildungsniveau man auf welchem Weg auch immer erreicht hat.
In diesem Sinne, lernen und entwickeln wir uns weiter, gell ?
LG
quarks
Lieber Simulant,
ich “habe” zwar die allgemeine Hochschulreife, habe aber danach einen Beruf erlernt zu dem man eigentlich überhaupt keinen qualifizierten Schulabschluß benötigt (Musikinstrumentenmacher).
Und trotzdem das so ist möchte ich “mein” Abi nicht missen.
Und warum?:
weil zum einen gerade die letzten drei Schuljahr (11.-13. Klasse) bei mir das Selbstdenken, die Neugier und die Kreativität sehr gefördert haben.In der Zeit habe ich den Blick über den gesellschaftlichen Tellerrand gelernt.
Und zum anderen gibt mir das Abi die Freiheit, jederzeit ein Studium zu beginnen, und so meinem Leben eine neue berufliche Richtung zu geben.
lg
Jürgen
Lieber Jürgen,
es freut mich sehr, dass Du einer der Abiturienten bist, der sein Abi wohl im “Seinmodus” erworben hat – herzlichen Glückwunsch dazu.
Und ich denke, dass Du auch nach der 13. Klasse bis heute das Selbstdenken, die Neugier und die Kreativität weiter gepflegt hast -gerade Musikinstrumente bieten ja hier eine sehr gute Basis.
Es muss ein sehr schönes und erfüllendes Gefühl sein, etwas zu erschaffen, das anderen Menschen Freude bereitet. Daher denke ich, dass auch die Berufswahl und die -ausübung im Haben- und Seinmodus geschieht und im Seinmodus ist dann der Beruf eine Berufung.
Viele Grüsse
Simulant
Ich danke euch allen für eure netten und konstruktiven Kommentare und möchte gerne jedem einzelnen Antworten:
Lieber Simulant,
es ist sicher richtig, was Du schreibst. Das Abitur zu HABEN genügt leider nicht, man muss es auch anzuwenden wissen. Die beste Kombination meiner Meinung nach ist, das Abitur zu haben UND es anzuwenden wissen. Der Schulabschluss sagt nicht direkt etwas über den Bildungsstand des Menschen aus. Ich habe äußerst intelligent Hauptschüler kennengelernt und dumme Studenten. Das eine hat mit dem anderen nicht zwingend etwas zu tun, außer, dass der Hauptschüler sich mehr beweisen muss, da man ihm Intelligenz weniger zutraut, als dem Studenten – leider.
Lieber Quarks,
auch Du hast sicherlich Recht! Der Makel wird einem von der Gesellschaft aufgedrückt, aufgestempelt! Ich weiß das von Interviews.. bzw. es geht doch schon in der eigenen Familie los. Nachdem ich beschlossen hatte nach meinem Realschulabschluß die Friseurlehre zu beginnen, waren die Kommentare scharf. Denn man “ist” dann ja “nur” Friseurin.
Das Weiterentwickeln und Weiterlernern kann jeder Mensch für sich immer und überall umsetzen. Ich kann mir selbst Bücher kaufen und meine Bildung selbst in die Hand nehmen. Doch das, was in unserer Gesellschaft zählt sind TITEL! Titel und Auszeichnungen. Wenn man die nicht hat, werden einem für bestimmte Lebens/Berufsbereiche Steine in den Weg gelegt. Wer einmal das Abitur verpasst hat, obwohl er intelligent dazu gewesen wäre, dem werden sämtliche Möglichkeiten, z.B. ein Studium einfach verwehrt! Das ist nicht fair – aber es ist eben so. Das ganze Leben besteht aus Prüfungen, aber auch aus Urkunden – Siegerurkunde oder Ehrenurkunde beim Sport, Zeugnisse für Leistungen, Diplome bei Abschlüssen, Medaillen bei Siegen – das alles sind Auszeichnungen auf die unsere Gesellschaft wert legt, wenn es darum geht zu beweisen, ob man sich auf diesem Gebiet auskennt.
Lieber Jürgen,
genau diese Freiheit meine ich.. Ich kann das gut nachvollziehen, denn auch ich bin ein freiheitsliebender Mensch und fühle mich regelrecht “gestutzt”, wenn mir Möglichkeiten verwehrt bleiben.
Ich habe meinen Blog hier u.a. ins Leben gerufen, um über Dinge zu schreiben, die mir liegen, um mehr von mir geben zu können, bzw. das von mir geben zu können, von dem manche nicht einmal geahnt haben, dass ich so bin. Es ist trotzdem kein Beweis an die Gesellschaft, sondern ein Beweis meiner selbst. Zudem bekomme ich so Struktur in meine Gedankenwelt. Sonst hat das mein Tagebuch übernommen – welches natürlich nach wie vor existiert.
Ich bin nach wie vor am Überlegen, ob ich zum September 2010 nochmals den Angriff zum Abitur wage. Es wäre in zwei Jahren Vollzeitunterricht “erledigt” und danach würden mir viele Studientüren offen stehen. Zukunftstüren, Chancentüren…
Ich lese gerade Teile aus dem Buch von Dietrich Schwanitz “Bildung, alles was man wissen muss.” Es macht Spaß, sein eigenes kreatives Denken mit dem solcher Bücher zu konfrontieren und anzufangen Aussagen in Frage zu stellen. Ich werde Themen, die ich in z.B. diesem Buch, oder auch Erich Fromms Bücher finde, bald abhandeln in der Kategorie Selbstdenken. Evtl. füge ich noch die Kategorie Wissen+Bildung hinzu für Themen, die meiner Meinung nach einfach übernommen werden können, ohne sie in Frage zu stellen.
Ich würde mich auch hier wieder freuen, wenn sich konstruktive Denker an diesen Beiträgen beteiligen würden.
Hallo Vanessa,
keine Antwort für murat?
Kann hier leider nicht so schreiben wie ich möchte, denn ich habe nicht nur die allgemeine Hochschulreife, sondern auch noch den erfolgreichen Abschluß eines Hochschulstudiums. Gehöre damit zu dem (ca. 20%) Anteil an der Bevölkerung, der eine akademische Ausbildung hat. Ja, Vanessa, klar erkannt, in dieser Bananenrepublik Deutschland (BRD) zählt das Papier und der Titel mehr als die Leistung. Leider gibt es viel zu viele die diese akademische Ausbildung haben und als charakterliche Volltrottel sich auch noch etwas auf diesen Status einiges einbilden. Dies ist eines der Grundprobleme in diesem Lande.
Es wird Dir nichts anderes übrig bleiben, als das Abitur zu machen. Die Wehmut klingt aus Deinen Sätzen, also tue es!
Ciao
Joe
Liebe Vanessa,
ich besuche sehr oft deine Website und ich finde, du bist eine sehr kluge und schöne Frau.
Ich finde die Art, wie du dich präsentierst, super gut.
Nun zu deinem gefühlten Makel. Auch mir ging es ähnlich. Ich habe im Berufsleben festgestellt, dass mir ein Diplom fehlt, obwohl ich damals schon die gleiche Arbeit gemacht habe wie jetzt auch, ich habe alles daran gesetzt, neben meiner Arbeit mein Diplom nachzuholen, nur für mich. Ich fühle mich heute viel besser, schon weil ich es durchgestanden habe, dazu gelernt habe und immer noch nicht mehr Geld habe.Aber egal
Ich will dir sagen, es ist eine gute Entscheidung, die du für dich triffst, denn wir hören niemals auf zu lernen. Du bist noch jung und wirst studieren. Mein Sohn hat auch spät entdeckt, dass er Tierarzt werden möchte und nun ist er fast fertig und er ist auch über 30.
Ich wünsche dir alles erdenklich Liebe und Gute auf deinem Weg, deine Julina